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miaEngiadina

Podcast Gian Reto à Porta & Jon Erni

Podcast
13. Mär 26
Zum Podcast auf Romanisch - Deutsche Version zum Nachlesen weiter unten

Interview mit Gian Reto à Porta

JON: Willkommen zum Podcast von miaEngiadina. Ich bin Jon Erni und mein heutiger Gast ist Gian Reto à Porta. Willkommen Gian Reto, schön, dass du hier bist!

GIAN RETO: Schön, dass es geklappt hat.

JON: Du bist in Scuol geboren und aufgewachsen. Nach der Matura am Hochalpinen Institut in Ftan hast du Wirtschaftsinformatik in Zürich studiert. Du hast das Startup Contovista gegründet und aufgebaut, deine Firma verkauft und arbeitest heute als Investor und Verwaltungsrat bei verschiedenen Startups. Nun hast du wieder ein neues Unternehmen gegründet. Kannst du verraten, was ihr macht und welche Pläne ihr habt?

GIAN RETO: Wie bei meiner ersten Firma geht es auch hier um Daten. Bei Contovista ging es um Bankdaten, jetzt geht es um Immobiliendaten. Wir haben eine Software entwickelt. Mit dieser können wir Immobilien erfassen und sämtliche Immobiliendaten digital abbilden. Wir arbeiten mit Personen zusammen, die grosse Immobilienportfolios besitzen, und sorgen dafür, dass sie ihre Daten unter Kontrolle haben.

JON: Du bist immer unterwegs mit dem Thema Innovation. Du beschäftigst dich beruflich mit Innovation. Wie entsteht Innovation? Viele glauben, man brauche eine gute Idee für eine grosse Innovation. Ich glaube, das entspricht nicht ganz der Realität. Kannst du erklären, wie du Innovation siehst?

GIAN RETO: Ich glaube auch, dass sich viele da etwas täuschen. Das liegt daran, dass man nach einem Erfolg die Geschichte oft etwas anders erzählt, als sie tatsächlich war. Meistens ist es so, dass man einfach einmal anfangen muss. Man braucht eine Idee in einem bestimmten Themenbereich, und dann ist es wichtig, diese einfach auszuprobieren. Das heisst: Wenn man etwas mit Software macht, baut man eine erste Version und präsentiert sie potenziellen Kunden, um zu sehen, was sie dazu sagen. Dann iteriert man und merkt, was nicht funktioniert. Denn oft funktioniert die erste Version nicht so, wie man es sich wünscht. Dann macht man eine zweite und eine dritte Version – immer in sehr enger Zusammenarbeit mit den Kunden. So bekommt man schnell Feedback und kann dieses Feedback einbauen. Innovation ist also ein iterativer Prozess. Man hat nicht eine grosse Idee, setzt sie um und dann funktioniert alles. Man probiert aus, sammelt Feedback, baut es ein, und irgendwann versteht man den Markt so gut, dass man weiss, in welche Richtung man gehen muss. Dann findet man den sogenannten „Product Market Fit“. Man merkt: Das ist jetzt die Version, die die Leute wirklich wollen. Dann hat man etwas Innovatives gefunden, das funktionieren kann, und darauf kann man ein Unternehmen aufbauen.

JON: Das heisst also, man muss nicht jahrelang studieren, bis man die möglichst innovativste Idee hat. Sondern man soll auch schauen, was andere machen, und sich inspirieren lassen.

GIAN RETO: Genau. Man muss zuerst definieren, in welchem Themenbereich man aktiv sein will. Bei mir waren es zuerst Banken, jetzt sind es Immobilien. In diesem Themenbereich muss man schauen, was auf dem Markt passiert, mit sehr vielen Menschen sprechen und zeigen, was man vorhat – sogar bevor man etwas gebaut hat. Einfach mit Leuten reden. Das haben wir auch gemacht, Jon, als ich dir gezeigt habe, was ich machen will, und du mir Feedback gegeben hast. Genau das muss man tun: möglichst viel Feedback einholen, den Markt verstehen, schauen, was andere machen, Dinge ausprobieren und dann eine erste Version bauen.

JON: Wenn ich zurückblicke, wie wir damals gelernt haben, Projekte zu machen, dann war die Theorie: einen Fünfjahresplan erstellen mit einer genauen Beschreibung, was man wann macht und wie man das finanziert. Wenn ich dich richtig verstehe, ist das heute nicht mehr die richtige Methode, um Innovation voranzubringen?

GIAN RETO: Nein. In den letzten fünfzehn Jahren hat sich klar gezeigt, dass das nicht mehr funktioniert. Man muss agile Methoden anwenden, wie ich sie beschrieben habe. Am wichtigsten ist es, möglichst schnell Feedback von den Kunden zu bekommen. Je schneller man etwas testet und Feedback erhält, desto schneller merkt man, ob man auf dem richtigen Weg ist.

JON: Bedeutet das auch, dass Innovation nicht nur etwas für gut ausgebildete Menschen ist, sondern für alle machbar ist? Könnten zum Beispiel auch Handwerker diese Methode anwenden?

GIAN RETO: Absolut. Man sieht, dass sehr unterschiedliche Menschen mit Innovation erfolgreich sind – auch Leute ohne formale Ausbildung. Wichtig ist der Wille, etwas zu machen, und lange genug dranzubleiben, bis man eine Lösung findet, die am Markt funktioniert. Je mehr man über ein Thema weiss und je länger man sich damit beschäftigt, desto besser weiss man auch, was nicht funktioniert. Wenn man weiss, wie etwas heute gemacht wird, ist man immer in einer guten Position, etwas Neues auszuprobieren.

JON: Wir von miaEngiadina setzen uns dafür ein, dass das Engadin als Lebens- und Arbeitsort attraktiver wird. Wir wollen ermöglichen, dass Firmen und Personen vor Ort von neuen Ideen profitieren können. Was sollten wir im Engadin tun, um einen Innovationsgeist zu fördern?

GIAN RETO: Ich glaube, was wir mit Startups machen, funktioniert auch im Tourismus. Man muss rausgehen und schauen, in welchen Themen man stark sein will – zum Beispiel Bike. Dann schaut man, was weltweit in diesem Bereich passiert, hat jemanden, der sich intensiv damit beschäftigt, und probiert Dinge aus. Das muss nicht immer ein grosses Projekt sein, das fünf Jahre dauert und extrem viel kostet. Einfach etwas ausprobieren, schauen, ob es funktioniert, Feedback von den Gästen einholen: Was war gut, was muss man ändern? Genau mit dieser Methode kann man im Engadin viel erreichen. Die Methode ist wichtiger als das perfekte Thema. Ausserdem muss man offen sein – auch wenn Fehler passieren oder etwas nicht funktioniert. Man muss denen eine Chance geben, die den Mut haben, etwas zu versuchen. Das Feedback danach ist sehr wichtig, um zu lernen.

JON: Kann man mit dieser Methode auch das Risiko reduzieren? Wenn man sieht, dass etwas an anderen Orten funktioniert, hat man ja bereits Feedback.

GIAN RETO: Genau! Man soll an diese Orte gehen und die Leute fragen, was sie anders machen würden. Das kostet fast nichts und liefert extrem wertvolle Informationen. Wenn man von der Universität kommt, hat man oft das Gefühl, man müsse für eine Studie mit sehr vielen Leuten sprechen. Dabei reichen oft schon Gespräche mit zehn Personen, um sehr gute Informationen zu erhalten – besser, als wenn man im Büro sitzt und nur im Internet recherchiert. Rausgehen und mit Menschen sprechen, die sich mit dem Thema beschäftigen, ist viel wichtiger.

JON: miaEngiadina hatte von Anfang an die Vision eines Innovationszentrums. Dieses wird nun in La Punt mit dem InnHub realisiert. Welche Rolle sollte der InnHub deiner Meinung nach in Zukunft spielen, damit er einen Mehrwert für unsere Region schafft?

GIAN RETO: Die grosse Chance liegt in der Kombination von Firmen und Menschen von ausserhalb, die sich mit den Unternehmen aus dem Engadin vermischen. Man kann voneinander profitieren und sehen, wie andere arbeiten. Im InnHub werden nicht nur Schweizer Firmen sein, sondern Unternehmen aus der ganzen Welt – das ist eine riesige Chance. Bei interessanten Themen können diese Firmen Präsentationen machen, und man kann fragen, was funktioniert und was nicht. Wenn es gelingt, eine gute Vielfalt an Menschen zu haben und voneinander zu lernen, wird das sehr spannend.

JON: Wenn man zurückblickt, hat das Engadin von solchen Modellen profitiert. Zum Beispiel kamen die Engländer und brachten den Wintersporttourismus. Daraus entstanden Skigebiete oder sogar die Rhätische Bahn. Die Engadiner haben das nicht allein entwickelt, sondern in Zusammenarbeit mit Menschen von ausserhalb. Ein zentrales Problem des Engadins ist die Abwanderung. Viele junge Menschen gehen ins Ausland oder ins Unterland. Wir von miaEngiadina überlegen, wie wir die Region attraktiver machen können, damit Menschen zurückkommen – oder zumindest teilweise zurückkehren. Du bist selbst ein Einheimischer, der im Unterland lebt, aber eine enge Verbindung hierher hat und teilweise hier, teilweise dort arbeitet. Was braucht es deiner Meinung nach, damit dieses Modell stärker genutzt wird?

GIAN RETO: Ich glaube, bei diesem Thema arbeitet die Zeit für uns. Seit Covid ist es normal geworden, dass viele Meetings online stattfinden. Alles läuft online. Das ist ein Trend, der für eine Region wie das Engadin spricht. Die Menschen wollen zwischendurch schöne Natur und im Sommer kühlere Nächte für das ist Scuol prädestiniert. Es fehlt nicht mehr viel. Was es braucht, ist schnelles Internet. Das habt ihr schon früh erkannt. Mit künstlicher Intelligenz muss nicht einmal mehr der Computer besonders leistungsstark sein, sondern vor allem die Internetverbindung. Das ist der entscheidende Punkt. Wir als Familie haben hier einen Ort zum Wohnen. Aber ich kenne viele Leute aus dem Unterland, die dieses Modell ebenfalls leben möchten und nach Wohnraum im Engadin suchen. Und da muss man sagen: Es ist sehr, sehr schwierig, etwas zu finden. Das ist die Kehrseite von Covid – das Engadin ist fast ausverkauft. Wenn wir wollen, dass Menschen kommen, brauchen wir gewisse Angebote im Wohnbereich. Auch dort braucht es Innovation, damit man nicht immer ein Haus kaufen muss, das dann leer steht, wenn man nicht da ist. Vielleicht gibt es auch gemeinschaftliche Modelle – zum Beispiel gemeinsam kaufen oder mieten und die Nutzung aufteilen. Da gibt es sicher spannende Ansätze.

JON: Sharing Economy für die Nutzung von Zweitwohnungen? Das braucht vielleicht noch eine Generation, bis sich diese Haltung ändert. Bei den Jungen ist das wohl aktueller.

GIAN RETO: Bei der Generation, die jetzt schon hier ist, ist das schwierig. Wenn man bereits ein Haus hat, teilt man es ungern. Aber es gäbe sicher einen grossen Markt, wenn jemand etwas Neues ausprobieren würde. Klein anfangen, zum Beispiel mit einem Gebäude mit mehreren Wohnungen und einem gemeinschaftlichen Modell, bei dem mehrere Parteien sich die Zeit aufteilen. Testen, ob es funktioniert, und dann Anpassungen vornehmen, um es zu optimieren.

JON: Viele, die bei uns im Coworking arbeiten, wollen Kontakt zu anderen Menschen. Deshalb ist es wichtig, Orte zu schaffen, an denen sich Menschen mit ähnlichen Ideen treffen können. Das ist vielleicht auch ein Punkt, bei dem wir helfen können. Du hast dein Herz im Engadin. Was sind deine Wünsche für die Zukunft des Engadins? Was sollte sich ändern? Was sollte gestärkt oder neu geschaffen werden, um die Situation hier noch attraktiver zu machen?

GIAN RETO: Wie gesagt, ich bin schon jetzt sehr, sehr gerne hier, deshalb finde ich nicht, dass sich viel ändern muss. Beim Thema, das wir diskutiert haben, braucht es Menschen, die Neues ausprobieren – die haben wir. Mein grosser Wunsch ist, dass die anderen diesen Menschen eine Chance geben. Das heisst: Wenn jemand etwas ausprobiert, auch wenn man nicht überzeugt ist, sollte man ihm eine Chance geben. Nicht von Anfang an sagen, das sei Unsinn. Denn bei Innovation weiss man nie im Voraus, was funktioniert und was nicht. Wenn wir Menschen haben, die Neues wagen, dann sollten wir ihnen diese Chance geben.

JON: Das ist ein schöner Wunsch für unser Tal. Gianni, zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Ich weiss, dass du viel in der Natur unterwegs bist – im Winter auf Tourenskiern oder auch als Jäger. Verrätst du uns deinen besonderen Lieblingsort im Engadin?

GIAN RETO: Ein Ort, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, ist ein Fels hinter unserer Alp in Puors. Dort fahre ich manchmal mit den Tourenskiern hinauf. Von dort sieht man Scuol und die umliegenden Berge. Das ist ein Ort, den ich sehr liebe.

JON: Vielen Dank, Gianni, für dieses spannende Gespräch. Das war das Gespräch mit Gian Reto à Porta. Vielen Dank, dass ihr dabei wart. Bleibt dran für weitere Podcasts, in denen Visionen und Wünsche für die Zukunft des Engadins geteilt werden. Vielen Dank und auf Wiedersehen.

Interview
Jon Erni, Visionär & Gründer miaEngiadina

Bild und Video
miaEngiadina / JSStudios José Diego Santos

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