Interview mit Cilgia RestÂ
JON:Â
Willkommen beim Podcast von miaEngiadina. Mein Name ist Jon Erni und mein heutiger Gast ist Cilgia Rest. Willkommen, Cilgia, schön, dass du hier bist.Â
CILGIA:Â
Vielen Dank fĂĽr die Einladung, Jon.Â
JON:Â
Cilgia, du bist in Susch geboren und aufgewachsen. Du hast Karriere bei der Kantonalbank gemacht und arbeitest dort seit 25 Jahren. Hattest du nie den Wunsch, ins Ausland zu gehen?Â
CILGIA:Â
Doch, natĂĽrlich hatte ich den. Als ich jung war, hatte ich den Eindruck, das könne doch nicht alles gewesen sein: diese tolle Stelle bei der Bank, in Scuol bleiben, alles sehr bequem. Ich habe versucht wegzugehen und bin dann auf Weltreise gegangen – wirklich mit der Idee: Wo ich es schön finde, da bleibe ich. Ich bin genau bis Zernez gekommen.Â
JON:Â
Du engagierst dich persönlich stark hier in der Region, leitest die Filiale in Scuol und die Region Scuol. Ihr habt als Bank miaEngiadina von Anfang unterstĂĽtzt. Kannst du sagen, welche GrĂĽnde euch dazu bewogen haben zu sagen: Das ist etwas, das wir unterstĂĽtzen wollen?Â
CILGIA:Â
Als dieses Projekt miaEngiadina entstanden ist, war damals auch noch Richard Ă Porta bei der Kantonalbank. Wir haben sofort die Köpfe zusammengesteckt und gesagt: Das ist etwas, das man unterstĂĽtzen sollte, weil es um die Zukunft unserer Region geht. Es geht um etwas, das uns Sicherheit gibt, auch kĂĽnftig hier in der Region leben zu können. Das war die beste Motivation, etwas zu tun.Â
JON:Â
Das ist jetzt bereits zehn Jahre her. miaEngiadina feiert nächstes Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum. Damals waren Themen wie Digitalisierung und schneller Internetzugang sehr aktuell. Heute hat sich die Situation – auch dank unserer Initiative – etwas verbessert. Du bist mit deiner Arbeit bei der Bank sehr nahe an der Region und hörst auch, welche Themen die Menschen und Unternehmen beschäftigen. Kannst du sagen, welche Themen du besonders oft hörst?Â
CILGIA:Â
Wir sehen, dass viele Betriebe und Unternehmen, insbesondere Hotels, aktuell vor der Ăśbergabe an eine jĂĽngere Generation stehen. Das ist schwierig, weil die jĂĽngere Generation nicht nur im Engadin bleiben möchte, oft noch zu jung ist oder erst später zurĂĽckkommen will. Und wenn sie zurĂĽckkommen, ist es sehr schwierig, Wohnraum zu finden. Das ist im Moment eine grosse Herausforderung.Â
JON:Â
Das Thema Wohnen ist derzeit sehr präsent in den Medien. Das Thema Nachfolge ist ebenfalls relevant. Ich bin selbst an verschiedenen Orten in solche Prozesse involviert, aber mir war das Ausmass nicht so bewusst. FĂĽr die Zukunft unserer Region ist es wichtig, dass alle Betriebe Perspektiven haben. UnterstĂĽtzt ihr als Bank die Unternehmen bei der Suche nach Lösungen?Â
CILGIA:Â
Ja, vor allem auf der finanziellen Seite beginnen wir sehr frĂĽh, die Unternehmer bei der Planung zu unterstĂĽtzen. Zum Beispiel bei der Wahl der Unternehmensform, damit eine spätere Ăśbergabe einfacher wird. In allen finanziellen und steuerlichen Fragen können wir sehr gut beraten. Aber die Person zu finden, die den Betrieb ĂĽbernimmt, ist extrem schwierig – vor allem, wenn es in der Familie niemanden gibt, der klar sagt: „Ja, ich ĂĽbernehme den Betrieb von meinem Vater.“Â
JON:Â
FrĂĽher war es oft so, dass eines der Kinder ĂĽbernehmen musste. Heute sind Autonomie und Individualität viel stärker ausgeprägt – viele sagen: Das ist nicht meine Zukunft.Â
Beim Wohnen hören wir, dass es sehr schwierig ist, Wohnungen zu finden. Ihr finanziert Wohnungen. Die Bewertung von Zweitwohnungen im Vergleich zu Erstwohnungen unterscheidet sich stark. Was ist aus deiner Sicht das zentrale Problem, dass es nicht mehr Erstwohnungen bzw. Wohnraum fĂĽr Einheimische gibt?Â
CILGIA:Â
Bauen ist an sich extrem teuer. Das Land ist teuer, das Bauen selbst ebenfalls. Und wenn man dann schaut, welche Mietpreise bei uns realistisch sind, geht die Rechnung nicht auf. Wer viel investiert, muss das Geld irgendwie wieder zurĂĽckbekommen – sonst investiert niemand. Da wir keine extrem hoch dotierten Arbeitsplätze haben und die Löhne eher moderat sind, können hohe Mieten kaum bezahlt werden. Viele verdienen ordentlich, aber 2’500 oder 3’000 Franken Miete sind schlicht zu viel. Und das Bauen wird nicht gĂĽnstiger.Â
JON:Â
Hinzu kommen das Zweitwohnungsgesetz und die Einschränkungen der Raumplanung. Wenn Wohnraum knapp wird, steigen die Preise. Hast du Ideen, wie wir als Region dieses Thema angehen könnten?Â
CILGIA:Â
Allein als Region können wir das nicht lösen. Wie du gesagt hast: Die neuen Gesetze der letzten zehn Jahre haben die Situation nicht einfacher gemacht. Die Absicht war gut – weniger Zweitwohnungen, mehr Erstwohnungen. FrĂĽher war es zum Beispiel so, dass man ein Haus mit zwölf Wohnungen baute, acht davon waren Zweitwohnungen, die teuer verkauft wurden, und damit die ĂĽbrigen quersubventioniert wurden. So konnte man Erstwohnungen gĂĽnstiger verkaufen oder vermieten. Mit dem heutigen Gesetz funktioniert das nicht mehr. Der Druck wird irgendwann dazu fĂĽhren, dass gar nicht mehr gebaut wird und dann die Baupreise wieder sinken. Aber darauf warten wir schon lange, und ich glaube nicht, dass das bald passiert.Â
JON:Â
In einem Interview von 2021 hast du gesagt, dass die Bank frĂĽher empfohlen hat, zusätzlich eine Ferienwohnung einzuplanen, um die Finanzierung zu erleichtern. Geht das heute noch?Â
CILGIA:Â
Nein, das funktioniert nicht mehr – ausser man baut ein altrechtliches Gebäude um. Auf der grĂĽnen Wiese ist das heute nicht mehr möglich.Â
JON:Â
Das heisst, ein wichtiges Instrument ist weggefallen. Viele unserer Eltern oder Nachbarn haben so gebaut. Schade, dass diese Möglichkeit nicht mehr besteht.Â
Ich wechsle das Thema: Du bist eine Frau in einer FĂĽhrungsposition – das ist hier im Engadin und auch bei der Kantonalbank nicht selbstverständlich. Nora Saratz Cazin, Gemeindepräsidentin von Pontresina, hat im Podcast mit Annina Coradi gesagt, dass es fĂĽr Familien schwierig sei, hierherzuziehen, weil es fĂĽr die Frauen schwierig sei Stellen zu finden. Ist das auch fĂĽr dich ein relevantes Thema?Â
CILGIA:Â
Ja, sehr sogar. Mein Partner und ich waren selbst einmal genau in dieser Situation. Nora spricht mir aus dem Herzen. Es gibt gute Jobs und Karrieremöglichkeiten hier, aber wenn eine Stelle wegfällt, gibt es kaum Alternativen. Das ist schwierig und belastet auch Beziehungen. Einer muss oft zurĂĽckstecken – das ist nicht ideal. FĂĽr Familien ist das ebenfalls eine grosse HĂĽrde. Zum GlĂĽck gibt es heute mehr Möglichkeiten fĂĽr Remote-Arbeit. Das ist fĂĽr das Unterengadin eine enorme Chance.Â
JON:Â
Multilokales Arbeiten und Wohnen kann also helfen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man das Potenzial der Frauen, die bereits hier leben, besser nutzen kann – denn viele Stellen bleiben unbesetzt. Hast du Ideen, wie man Frauen besser in den Arbeitsmarkt integrieren könnte?Â
CILGIA:Â
Ich habe viele Ideen! Oft wird den Unternehmen gesagt, was sie tun mĂĽssten, um attraktiver fĂĽr Frauen zu sein. Viele – insbesondere moderne Unternehmen wie mein Arbeitgeber – sind heute schon so aufgestellt: Flexibilität, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Karrierechancen. Was ich aber immer wieder sehe, ist, dass Frauen selbst noch sehr stark in traditionellen Rollenmustern denken. Selbst wenn sie das nicht bewusst wahrnehmen. Sie sagen: „NatĂĽrlich mache ich die Wäsche. NatĂĽrlich organisiere ich die Kinderbetreuung an meinen Arbeitstagen.“ Das sind sehr traditionelle Rollenbilder. Wir sind noch nicht gut darin, diese Aufgaben wirklich gleichmässig zu verteilen. In den Bergregionen scheint das noch etwas stärker ausgeprägt zu sein.Â
JON:Â
Unsere Wurzeln und Traditionen machen die Region zwar stark, erschweren aber neue Modelle. Das wird wohl mehrere Generationen dauern, bis wir das ĂĽberwunden haben.Â
CILGIA:Â
Ja, das sehe ich auch so. Es braucht gute Vorbilder. Wenn es ein paar Familien gibt, die es anders machen, dann denken andere vielleicht: „Die machen das – das könnten wir auch versuchen.“Â
JON:Â
Ein wichtiger Punkt. Haben wir die nötige Infrastruktur, zum Beispiel fĂĽr die Kinderbetreuung?Â
CILGIA:Â
Ich habe selbst keine Kinder, spreche also nicht aus eigener Erfahrung. Aber ich höre, dass das Angebot grundsätzlich gut ist. Was fehlt, sind längere Ă–ffnungszeiten – vor allem in den Ferien oder fĂĽr Frauen im Tourismus und in der Hotellerie. Sie kommen oft spät nach Hause. Da wäre ein breiteres Angebot nötig. Grundsätzlich ist die Situation aber nicht schlecht.Â
JON:Â
Das ist eine gute Grundlage. Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Du bist stark hier verwurzelt. Was wĂĽnschst du dir fĂĽr das Engadin in 10 oder 15 Jahren?Â
CILGIA:Â
Ich sehe aktuell viele Themen, aber wenig Mut fĂĽr Investitionen und Entwicklung. Manchmal habe ich Angst, dass wir abgehängt werden. In den letzten Jahren haben viele Restaurants geschlossen, viele Gästebetten sind verschwunden. Der Tourismus ist unsere Lebensader. Wir brauchen Mut fĂĽr Investitionen, um jungen Menschen zu zeigen: „Hier passiert etwas, hier ist meine Zukunft, hier will ich leben.“ Das wĂĽnsche ich mir sehr fĂĽr das Unterengadin.Â
JON:Â
Ein schöner Wunsch. Zum Schluss eine persönliche Frage: Viele Zuhörer kennen das Engadin nicht so gut. Was ist dein Lieblingsort im Engadin?Â
CILGIA:Â
Es gibt viele. Ich fĂĽhle mich zum Beispiel sehr wohl bei mir zu Hause, im Garten. Aber ich will nicht das ganze Engadin zu mir einladen. Ein weiterer Lieblingsort ist der Piz ClĂĽnas – ein dankbarer Berg mit sensationeller Aussicht. Nicht allzu schwierig, aber sehr lohnend.Â
JON:Â
Im Winter oder Sommer?Â
CILGIA:Â
Eher im Sommer. Im Winter habe ich etwas Angst vor Lawinen.Â
JON:Â
Vielen Dank, Cilgia, fĂĽr das Gespräch.Â
Das war das Gespräch mit Cilgia Rest. Danke, dass ihr dabei wart. Bleibt neugierig, was es fĂĽr weitere neue Ideen und WĂĽnsche fĂĽr die Zukunft des Engadins gibt. Hört auch die nächsten Podcasts von miaEngiadina. Auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal.Â
Interview
Jon Erni, Visionär & Gründer miaEngiadina
Bild und Video
miaEngiadina / JSStudios José Diego Santos