Interview mit Cinzia Regensburger
JON: Willkommen beim Podcast von miaEngiadina. Ich bin Jon Erni, mein heutiger Gast ist Cinzia Regensburger. Hallo Cinzia, vielen Dank, dass du hier bist.
CINZIA: Danke dir für die Einladung.
JON: Cinzia, kannst du dich für diejenigen beschreiben, die dich noch nicht kennen – wer bist du?
CINZIA: Ich bin Cinzia Regensburger, ich bin Musikerin aus Scuol. Ich mache sehr gerne musikalische Projekte. Für mich ist Kultur im Engadin sehr wichtig.
JON: Was bedeutet das Engadin für dich als Heimat?
CINZIA: Ich bin im Engadin aufgewachsen und viele meiner Lieder sind auch von der Natur hier inspiriert.
JON: Das Engadin hat dich also als Person, aber auch als Musikerin inspiriert. Ist das Engadin auch in deiner Musik präsent?
CINZIA: Auf jeden Fall. Besonders auf meiner neuen EP „Per Tai“, die ich gerade herausgegeben habe. Sie ist stark von verschiedenen Orten im Engadin beeinflusst, aber auch von magischen Plätzen in der Natur. Jeder Ort hat seinen eigenen Einfluss auf diese Musik.
JON: Ich nehme an, das waren Orte, die du als Kind gerne besucht hast und die so in deine Musik eingeflossen sind. Gibt es noch andere Erinnerungen oder Erlebnisse, die in deiner Musik präsent sind?
CINZIA: Ja. Mein Vater hat sehr viele traditionelle Engadiner Lieder gesungen, als ich klein war. Das trägt, glaube ich, jede Engadinerin und jeder Engadiner in sich. Dieses gemeinsame Singen und auch das Singen von zweiten Stimmen – das ist etwas sehr Besonderes. Ich versuche immer wieder, das in meine Musik einfliessen zu lassen. Teilweise mache ich das unbewusst und merke erst im Nachhinein, dass ich es eingebaut habe.
JON: Ich erinnere mich auch an ein Stück, das du deiner Grossmutter gewidmet hast. Das ist sicher auch mit vielen Erinnerungen aus deiner Kindheit verbunden?
CINZIA: Genau. Das war eines der ersten Lieder, die ich geschrieben habe. „Chara nona“ ist ein Lied, das immer wieder Nostalgie für das Val Müstair auslöst.
JON: Du singst, wie gesagt, viele Lieder und komponierst auch auf Romanisch. Welche Bedeutung hat die Sprache – das Romanische – für deine Musik?
CINZIA: Romanisch ist meine Muttersprache, und in dieser Sprache kann ich mich am besten ausdrücken. Es ist viel ehrlicher, und ich muss nicht lange überlegen, wie ich einen Satz sagen will – es ist ganz natürlich.
JON: Als Musikerin ist es dir sicher auch wichtig, dass die Leute verstehen, was du schreibst und sagen willst. Nun verstehen aber nicht sehr viele Romanisch. Hast du darüber nachgedacht und wie gehst du mit dieser Ambivalenz um?
CINZIA: Ich habe auch Lieder, die ich ganz bewusst auf Romanisch geschrieben habe, damit die betroffene Person das Lied nicht versteht. Aber ich singe auch viele Lieder auf Englisch und versuche, die Lyrics sowohl auf Romanisch als auch auf Englisch mit Übersetzungen zur Verfügung zu stellen.
JON: Du hast deine EP – deine CD – „Per Tai“ erwähnt. Kannst du verraten, wem dieses Lied gewidmet ist?
CINZIA: Allen. „Per Tai“ ist eigentlich für jede und jeden. Für alle, die zuhören sollte es etwas drin haben. Es geht um Emotionen, um die Sinne.
JON: Das heisst, es ist nicht für eine bestimmte Person, sondern vielmehr für alle Zuhörerinnen und Zuhörer deiner Musik.
Wenn man Zeitungen liest oder das Kulturleben verfolgt, wird dein Name immer wieder erwähnt. Ich habe das zum ersten Mal gesehen, als du hier in Scuol Musicals organisiert hast – mit Einheimischen, Musikerinnen und Musikern, Sängerinnen und Sängern. Du hattest auch eine zentrale Rolle bei der Organisation von „Scuol Classic“ mit Beethovens Sinfonie. Das sind riesige Projekte. Du bist offenbar immer in unterschiedliche Projekte involviert, auch vor ein oder zwei Jahren im Hotel Palace. Woher nimmst du die Motivation und Energie für all diese Projekte?
CINZIA: Das ist eine Frage, die mir sehr oft gestellt wird. Ich bin in Tschierv aufgewachsen und war die Einzige meines Jahrgangs. Für mich war es sehr wichtig, etwas tun zu können. Ich habe sehr viel Energie. Im Val Müstair habe ich viel Klavier gespielt, entweder für mich selbst oder ich habe beschlossen, ein Theater für meine Familie zu machen. Als wir nach Scuol kamen, habe ich gemerkt: Hier kann man etwas machen. Die Möglichkeiten sind grösser, aber trotzdem fehlt vieles. Es gibt zum Beispiel kein Orchester, kein Musical, kein Kulturhotel. Das sind alles Dinge, die ich mir immer gewünscht habe. Das ist meine Motivation: Wenn es etwas nicht gibt, dann macht man es selbst.
JON: Ich gehe davon aus, dass das Engadin deine Heimat ist. Deine Mutter ist aus Scuol, dein Vater aus dem Val Müstair. Du bist teils im Val Müstair, teils in Scuol aufgewachsen. Sind dir beide Täler gleich wichtig?
CINZIA: Ja. Die Natur im Val Müstair ist wunderschön, sie ist fast noch magischer als hier. Ich gehe auch hier sehr gerne in die Natur, aber im Val Müstair ist es noch einmal anders. Scuol ist einfach grösser, die Möglichkeiten sind grösser, und die Leute sind – würde ich sagen – offener.
JON: Das Val Müstair hat auch grössere wirtschaftliche Herausforderungen, liegt etwas weiter abseits, ist Richtung Südtirol ausgerichtet und stark von Italien beeinflusst. Du hast erwähnt, dass du viel im Val Müstair und viel hier bist. Dein Zuhause ist jetzt hier im Engadin. Wie oft bist du noch im Val Müstair?
CINZIA: Nicht mehr sehr oft. Ich gehe manchmal wandern oder bin für Konzerte dort, aber mein Lebensmittelpunkt ist in Scuol.
JON: Wenn wir nun auf unsere Region schauen: Mit miaEngiadina wollen wir herausfinden, welche Themen für die nächsten zehn Jahre unseres Vereins wichtig sind. Du engagierst dich stark für Kultur – kannst du deine Vision teilen? Was sollte das Engadin für Menschen sein, die im Kulturbereich arbeiten?
CINZIA: Einerseits könnte man ein Stück zurückgehen zu Zeiten, in denen es mehr Kultur und mehr Livemusik in Bars und Restaurants gab. Andererseits könnte man nach vorne schauen und überlegen, ob man einen Ort wie das Hotel Palace weiterentwickeln könnte – einen Ort mit verschiedener Kultur, wo man zusammenkommt und kreativ sein kann. Eigentlich so etwas, wie ihr hier macht: Ihr habt einen Coworking Space, wo man arbeitet. So ein Ort fehlt meiner Meinung nach im Engadin für die Kultur.
JON: Ein kreativer Hub, wo nicht nur am Computer gearbeitet wird, sondern Musik gemacht oder gemalt wird.
CINZIA: Genau. Ein Ort, an dem man nicht nur kurz vorbeischaut, sondern über längere Zeit bleibt und wirklich etwas erschafft.
JON: Das Projekt Palace ist mit eurem Team zu Ende gegangen. Gibt es bereits neue Ideen, wie diese Geschichte weitergehen könnte?
CINZIA: Wir haben das sehr stark im Kopf und sind uns alle einig, dass es irgendwann weitergeht. Wo, ist die Frage. Im Moment sind wir zufrieden, wie es ist. Wir haben alle unsere eigenen Projekte. Wenn der richtige Moment kommt, machen wir weiter.
JON: Das ist ähnlich wie bei uns mit dem InnHub: Wir haben es an einem Ort versucht, dann ging es nicht – und plötzlich gibt es eine neue Möglichkeit an einem anderen Ort.
Das bringt mich zurück zu miaEngiadina. Wir haben uns in den letzten zehn Jahren stark für Gemeinschaft und Arbeitsorte eingesetzt. Wenn wir zehn Jahre nach vorne schauen: Gibt es neue Themen, die wir angehen sollten? Hast du Tipps für uns?
CINZIA: Ich muss ehrlich sagen, ich habe kaum konkrete Ideen, was ihr noch tun könntet. Mir scheint, ihr macht bereits sehr viel und engagiert euch an vielen Orten. Das ist grossartig. Bleibt einfach so offen, wie ihr es seid.
JON: Vielleicht ergibt sich mit einem kreativen Hub ja einmal eine Kombination für ein gemeinsames Projekt.
Kannst du uns noch deinen Lieblingsort im Engadin oder im Val Müstair verraten? Du hast erwähnt, dass du in die Natur gehst, wenn du Zeit für dich brauchst.
CINZIA: Einer meiner Lieblingsorte ist bei den «Cuvels da las dialas» (übersetzt: Feenhöhlen) oberhalb von Minschuns.
JON: Die «Cuvels da las dialas» sind im Val Müstair?
CINZIA: Genau.
JON: Dort war ich noch nie – das kommt auf meine Liste.
Super, vielen Dank, Cinzia!
Das war das Gespräch mit Cinzia Regensburger. Danke, dass ihr dabei wart. Bleibt gespannt auf weitere Visionen fürs Engadin in den nächsten Podcasts von miaEngiadina. Auf Wiedersehen und macht’s gut.
Interview
Jon Erni
Bild und Video
miaEngiadina / JSStudios José Diego Santos