Interview mit Oscar Knapp
JON: Willkommen beim miaEngiadina Podcast. Ich bin Jon Erni. Mein heutiger Gast ist Oscar Knapp. Allegra Oscar und danke, dass du heute zu uns gekommen bist.
Oscar Knapp: Freut mich.
JON: Du bist in Scuol geboren und aufgewachsen. Hast aber viel Zeit im Ausland verbracht, als Diplomat und Botschafter warst du in Paris, Brasilien, Amerika und Österreich. Jetzt aber, als es Richtung Pensionierung ging, hast du entschieden, wieder zurückzukommen ins Engadin. Was waren die Gründe, dass du und deine Frau euch entschieden habt, wieder in eure Heimat zurückzukehren?
OSCAR: Das ist eigentlich sehr einfach. Wir kamen, während diesen fast 40 Jahren, die wir im Ausland oder in Bern waren, kamen wir immer jedes Jahr zurück nach Scuol. Mindestens ein Mal. Und dann auch mit den Kindern, kamen wir immer, später hatten wir Kinder. Wir sprechen Romanisch zu Hause und etwas Schöneres als das Engadin gibt es nicht.
JON: Das hat immer ein bisschen mit den Kindheitserinnerungen zu tun. Wenn du zurückschaust auf deine Kindheit, was ist dir in Erinnerung geblieben?
OSCAR: Ich war hier, bis ich 16 wurde. Und die Schulzeit, das war, ich fand es immer sehr schön. Etwas, was mir gerade einfällt, einmal hatte ich mein Bein gebrochen beim Skifahren und das ist schon geblieben, aber die guten Freunde, die man in der Schule hatte und auch die guten Lehrer, muss ich sagen, die meisten sind wahrscheinlich gestorben. Das war auch das ganze Ambiente vom Ort und vom Tal, der Landschaft und auch die Touren in den Bergen, die man gemacht hat, sind geblieben. Das hat uns zum Glück, auch Elisabeth, zurückgebracht.
JON: Du hast gesagt, dass du mit 16 das Engadin verlassen hast, ich denke, dass das mit deiner Ausbildung zu tun hatte.
OSCAR: Ja, ich bin, wie auch andere Freunde von hier, nach Chur in die Kantonsschule gegangen. Danach bin ich nach St. Gallen an die Universität St. Gallen. Eigentlich wollte ich nur für kurze Zeit nach St. Gallen und danach die Metzgerei übernehmen. Schlussendlich bin ich ziemlich lange geblieben. Ich habe das Lizenziat gemacht und danach doktoriert in St. Gallen und dann kam ich nur selten zurück ins Engadin.
JON: Du hast Wirtschaft studiert und in diesem Bereich das Lizenziat gemacht und promoviert. Wie bist du dann zur Diplomatie und den internationalen Beziehungen gekommen?
OSCAR: Ich habe bereits internationale Wirtschaft studiert. Dann war die Situation entweder nach Scuol zurückzukehren oder richtig wegzugehen. Und um richtig wegzugehen, ich hatte ein paar Freunde auch in St. Gallen, und sie sagten, ich solle versuchen, die Ausbildung zu machen, um Diplomat zu werden. Dann haben wir ein bisschen diskutiert und uns die Sachen angeschaut und dann habe ich das gemacht. Ich wollte nicht einfach zurückkommen in die Schweiz und irgendwo wohnen. Es interessierte mich, wenn schon, dann richtig wegzugehen und ja, das Internationale.
JON: Als Wirtschafter bist du jetzt ins Engadin zurückgekehrt. Du siehst natürlich alle schönen Seiten unseres Tals, aber du siehst wahrscheinlich auch die Herausforderungen, die wir haben. Wo lokalisierst du die grössten Herausforderungen, die wir als Bergregion haben?
OSCAR: Eine grosse Herausforderung ist natürlich die des «Overtourism». Man möchte immer mehr und man verdient gut, aber man möchte noch etwas mehr und dann ist die Gefahr da, dass man das Schöne kaputtmacht, was man schon hat. Das ist schon eine grosse Herausforderung. Ob das im Sommer oder im Winter sei, zu Beginn war im Winter zu viel Tourismus, danach kommen sie im Sommer dann mit den Bikes. Das ist schon schwierig, dann sagen wir, eine Linie zu erhalten, dass es nicht zu extrem wird.
JON: Du hast auch viele andere Länder und Situationen gesehen, an all den Orten, wo du gewesen bist. Gibt es da Orte, wo du sagst, die wären gut, wenn die Engadiner da mal hingehen würden, um zu sehen, wie die das machen? Um vielleicht auch von anderen Ideen inspiriert zu werden?
OSCAR: Ich glaube, dass wir es insgesamt schon sehr gut machen. Klar, ich habe gute Eindrücke und Erinnerungen, als wir zum Beispiel in Utah waren. Da gibt es auch schöne Skiregionen. Ich fand, dass sie, zu dieser Zeit, sie hatten überschaubare Beziehungen erhalten. Oder auch wenn man in die Region von Wales geht, da hat es auch Orte, auch im Sommer, die gut oder zumindest gut erhalten waren. Aber ich glaube, viele Beispiele, die besser sind als hier, gibt es, glaub ich, nicht viele.
JON: Das ist schön, von jemandem wie dich zu hören, der wirklich viele Orte dieser Welt gesehen hat. Als du in der Schweiz zurückgekommen bist, hast du dich auch für die Sprache und die Kultur engagiert, auch für unsere Region. Unter anderem wurdest du auch als Präsident der SRG SSR romanische Schweiz erlesen. Du engagierst dich für den Schloss Tarasp, das ist auch eine Stiftung, du bist schon seit Beginn im Stiftungsrat von miaEngiadina. Was ist eigentlich bei all diesen Themen, bei denen du dich engagierst, die Motivation gewesen, dich da zu engagieren?
OSCAR: Ich hatte Glück bei allen drei Stiftungen. Beim romanischen Radio hatte ich ein enormes Glück. Eigentlich war ich nicht ein Kandidat, dann sind die gekommen und haben mich gefragt, ob ich das nicht machen möchte. Ich hatte nicht viel Interesse, weil ich noch voll am Arbeiten war. Und im Finanzministerium arbeitet man fast so viel wie du. Ich hatte einfach viel zu tun. Meine Frau hatte gesagt, ich soll jetzt mal diese Anrufe erwidern. Dann wurde ich eigentlich ein wilder Kandidat, nicht nur ein bisschen, sondern ganz wild. Dann wurde ich hier in Scuol gewählt. Das war ein enormes Glück, dass ich mich dann dazu entschieden hatte und auch, dass ich gewählt wurde. Das war eine Sache und die andere, mit unserer Stiftung von miaEngiadina, da hast du wahrscheinlich gedacht, dieser Typ kennt ein paar Leute in Bern und vielleicht kann er was machen. Viel habe ich nicht gemacht für miaEngiadina, aber schon, nur in einer Stiftung sein zu dürfen, mit einer eigentlich so einfach formulierten Vision, die so tiefgründig ist, das hatte mir schon sehr Lust gemacht. Und dann in Tarasp, ich bin nicht mehr in der Stiftung mit Not Vital. Sie hatten mich gefragt, ob ich nicht bereit wäre, beizutreten, das war Andrea Fanzun, er war der Präsident. Da bin ich sehr gerne beigetreten, um zu versuchen, unsere Aufgabe war es, das Schloss zu verkaufen. Wir hatten viele Offerten und viele Interessenten, schlussendlich kam dann Not eines Tages, ich hatte ihn hier in Scuol getroffen, ich ging mit ihm zur Schule. Er hat mich gefragt, was ich denke, ob das nicht etwas für ihn wäre. Dann haben wir gesagt, er soll seine Vision aufstellen. Die war ein bisschen komplizierter als deine Formulierung. Er hatte es aber gut gemacht, ist gekommen und hatte sich vorgestellt in Chur. Dadurch kam es dann zum Abschluss dieses Geschäftes. Jetzt sind wir wirklich sehr zufrieden, auch mit der Stiftung, Not hat verschiedene Stiftungen, aber auch mit dieser, wie das Schloss gut geführt wird.
JON: Es gab wahrscheinlich schon zu deiner Zeit, als du Präsident bei RTR warst, Herausforderungen. Die Herausforderungen werden immer grösser. Gerade für unsere Sprache ist das RTR eine sehr grosse Stütze. Wie siehst du die Zukunft oder wie wichtig ist unsere Sprache und das RTR für unsere Region und für die Entwicklung dieses Tals?
OSCAR: Das RTR hat eine enorme Wichtigkeit, glaube ich. Nicht nur für unser Tal, aber für die romanische Sprache generell. Wir wissen, dass das Radio die Brücken zwischen den Tälern macht. Dank des Radios hören wir auch ein bisschen die anderen Idiome. Ich war immer gegen das Rumantsch Grischun, aber so, wie es jetzt benutzt wird, nicht in den Schulen, aber zum Beispiel für die Nachrichten, das finde ich etwas sehr Gutes. Eine Sache, die ich immer wieder gesagt habe zu den neuen Führern des RTR, ist, dass man aufpassen muss, nicht zu oft Schweizerdeutsch zu verwenden. Ich glaube, dass sie schon aufpassen damit. Zum Beispiel in Bern, in Bern kannst du nicht als Repräsentant des romanischen Radios zu einem Nationalrat aus Zürich gehen und Schweizerdeutsch reden, das geht nicht. Und das machen auch die anderen Radios nicht, die italienische Schweiz, sogar die deutsche Schweiz und die französische Schweiz. Parlamentarisch wird immer, wenn es sich um politische Sachen handelt, in Hochdeutsch gesprochen. Da muss man aufpassen, wir haben nicht nur Freunde im Unterland, dass die vom Unterland, also die, welche zum Beispiel im Verwaltungsrat vom SRG, das, was auch mir passiert ist, dass man nicht sagt, aber hör mal Oscar, ihr sprecht unter euch nur Deutsch. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie glaubten, dass wir nur mit den Kühen romanisch sprechen. Dann habe ich sie mal hierher eingeladen, wir hatten eine Sitzung und verschiedene Treffen hier. Sie waren alle sehr erstaunt, dass hier wirklich romanisch gesprochen wird. Das Radio hat für unsere Region und unsere Idiome eine enorme Wichtigkeit.
JON: Wenn wir jetzt weiterschauen auf die nächsten zehn Jahre, wie siehst du das Engadin in zehn Jahren? Was macht das Engadin vom 2036 aus?
OSCAR: Zehn Jahre, eigentlich im Leben oder auch im Leben des Tals, das ist ein Wimpernschlag, aber in zehn Jahren kann viel passieren. Wenn wir denken, was vor zehn Jahren passiert ist, nicht nur im Engadin, ich denke jetzt auf der ganzen Welt, das ist enorm und wie schnell gewisse Sachen passieren können. Wir im Engadin können uns von den Sachen, die um uns herum passieren, nicht isolieren. Ich denke jetzt nicht nur in Chur, aber auch nicht nur in der Schweiz, aber eben auch in Europa und in der ganzen Welt. Wo werden wir in zehn Jahren sein? Ich muss wirklich sagen, dass miaEngiadina eine grosse Rolle spielen wird. Was miaEngiadina alles macht, nicht nur für die Leute, welche hier Coworking machen, auch für die Bevölkerung hier im Engadin. Was gemacht wird und was gemacht worden ist und was für die Kinder gemacht wird, zum Beispiel mit all diesen Programmen, die zur Verfügung gestellt werden, Programme, die sich um die Digitalisierung handeln. Das ist eindrücklich. Auch, was gemacht wird, um das Engadin denen vom Unterland zu zeigen. Normalerweise sind es solche, die sich an diesen Shops beteiligen, die wichtige Positionen haben. Ein Wunsch, den ich habe, ist, dass das Engadin in zehn Jahren keine Autobahn von oben bis unten hat. Sie sind nämlich dabei, die Strassen auszubauen, was für mich ein Grauen ist. Das, was sie jetzt im Bergell wahrscheinlich machen und über den Flüelapass, ist bereits eine Autobahn. Von hier aus nach Martina oder Landeck hat es auch enorme Strassen, also hoffen wir, dass es nicht einfach eine Autobahn geben wird. Vielleicht kann miaEngiadina mit dem öffentlichen Verkehr beitragen. Ich weiss nicht, ob das was ist, aber öffentlicher Verkehr, aber dass in zehn Jahren die Busse und so elektrisch sind und dass nicht so alte Busse kommen, die stinken und Lärm machen.
JON: Das ist spannend, das Thema mit dem öffentlichen Verkehr. Ich hatte ein Gespräch mit Aita Zanetti, sie hat gesagt, dass sie immer wieder mit Jugendlichen, die 18 werden, spricht, um zu hören, was sie für Bedürfnisse haben. Da wird oft der öffentliche Verkehr sehr oft erwähnt, die Möglichkeiten, um am Abend und am Wochenende weggehen zu können. Und sie hat auch gesagt, dass die Jugendlichen dort eine Priorität setzen. Vielleicht ist das effektiv auch ein Thema, welches wir aufnehmen können. Ich sehe jetzt, dass es immer mehr Ideen gibt für Transportmittel, die keinen Fahrer mehr haben. Die Post experimentiert jetzt damit und ich bin überzeugt, dass in zehn Jahren auch diese Technologie eine Rolle spielen wird. Gerne nehmen wir dieses Thema auf. Du engagierst dich immer noch in der einen oder anderen Form für die Region. Hast du konkrete Projekte, bei denen du jetzt engagiert bist? Kannst du vielleicht die eine oder andere Sache verraten, die dich im Moment persönlich beschäftigt?
OSCAR: Das wichtigste Projekt für mich sind unsere Enkelkinder. Neben dem habe ich kein Projekt mehr wirklich für die Region. Wir haben drei Enkelkinder und einer heisst sogar Oscar. Das wäre dann Oscar der Dritte nach meinem Grossvater Denoth. Wir haben eine grosse Freude, mit den Enkelkindern zusammen zu sein. Vielleicht freut es auch die Eltern, dass wir manchmal zum Aufpassen kommen, wir gehen sehr oft. Wenn wir können, dann gehen wir zu den Enkelkindern. Sie sind in Zürich und Lausanne. Ich habe keine anderen Sachen wirklich in Schubladen.
JON: Du hast auch eine Menge gemacht und hast jetzt auch verdient, eine ruhigere Zeit zu haben und deine Familie zu geniessen. Oscar, kannst du uns zum Abschluss noch deinen Lieblingsort im Engadin verraten?
OSCAR: Mein Lieblingsort ist schon das Tal Sesvenna.
JON: Ein sehr schöner Ort, das kann ich bestätigen. Vielen Dank, Oscar, für dieses sehr spannende Gespräch. Das war das Gespräch mit Oscar Knapp. Danke, dass ihr dabei wart. Bleibt gespannt für die nächsten Visionen und die nächsten miaEngiadina Podcasts. Vielen Dank und auf Wiedersehen.
Interview
Jon Erni
Bild und Video
miaEngiadina / JSStudios José Diego Santos